Stellungnahme zu dem Wahlplakat von Dr. Nassser Ahmed:

Datum

Mein N-Wort…. ist Nürnberg“

Dr. Pierrette Herzberger-Herzberger-Fofana. Ehrenbürgerin der Stadt Erlangen.

Wie war Ihre erste Reaktion auf das Wahlplakat des SPD-OB-Kandidaten in Nürnberg, Nasser Ahmed? Eine unüberlegte Aktion?

Dr. Nasser Ahmed gilt als Hoffnungsträger. Wir wünschen ihm einen Wahlerfolg, und sein politisches Engagement verdient Anerkennung. Die Mehrheit der weißen Mehrheitsgesellschaft weiß nicht, was es bedeutet, über lange Zeit hinweg mit dem sogenannten N-Wort beleidigt zu werden. In diesem Kontext ist seine Wortwahl als Reaktion auf die rassistische Hetze zu verstehen, der er im Rahmen seines Wahlkampfs als Oberbürgermeisterkandidat ausgesetzt ist. Diese Reaktion ist nachvollziehbar, zumal ich selbst 1996 als Oberbürgermeisterkandidatin der Stadt Erlangen kandidiert habe und vergleichbare Erfahrungen gemacht habe.

Gleichwohl bin ich der Auffassung, dass nicht die Betroffenen, sondern die Rassistinnen und Rassisten an den Pranger gestellt werden müssten. Ungeachtet dessen halte ich die konkrete Wortwahl für ein Wahlplakat für unglücklich und politisch problematisch. In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation stellt dies ein riskantes Vorgehen dar. Der Begriff ist historisch und emotional extrem belastet und kann bei vielen Betroffenen Schmerz, Wut und erneute Verletzungen hervorrufen.

Dr. Pierrette Herzberger-Fofana. Mein Wahlplakat 1996

 „Wir bringen Farbe ins Spiel“

Ich war völlig fassungslos, denn ich musste sofort an das „N-Word“ denken, wie man es aus Amerika, den ehemaligen Kolonien und alle Länder, die von Menschen afrikanischer Abstammung bewohnt werden, kennt. Meine erste Reaktion war großes Erstaunen. Ich habe verstanden, dass er Aufmerksamkeit erzeugen und eine Debatte über Rassismus anstoßen wollte.

Darf Nasser Ahmed als direkt Betroffener nicht mit diesem Thema spielen?

Natürlich hat er das Recht, über Rassismus zu sprechen – das ist sogar notwendig. Aber mit diesem Wort zu „spielen“, auch als Betroffener, geht meiner Meinung nach zu weit, halte ich es sogar für grenzwertig. Viele Menschen aus der Schwarzen Community empfinden das nicht als Befreiung, sondern als erneute Verletzung.

Dieses Wort ist für Menschen afrikanischer Herkunft zutiefst traumatisierend. Es ist untrennbar mit ihrer Geschichte verbunden – einer schmerzhaften Geschichte, die von Leid und Unterdrückung geprägt ist. Der Bezug zu diesem Begriff, dem N…Wort  ist eine Beleidigung, eine Beschimpfung. Es wurde als Instrument der Entmenschlichung und Erniedrigung benutzt.

Dr. Nasser Ahmed: „Und dennoch stehe ich hier : Warum ich Nürnberg liebe

Wird das „N-Wort“ hier nicht in gewisser Weise positiv aufgeladen?

Ich sehe sehr wohl, dass dies der dahinterstehende Gedanke war. Für die Mehrheit der Betroffenen kann dieses Wort nicht positiv umgedeutet werden. Es ist mit Entmenschlichung, Gewalt und Ausgrenzung verbunden. Diese Geschichte lässt sich weder auslöschen noch umkehren.

Wie kann ein so gewalttätiges und entwürdigendes Wort positiv sein? Dieses Wort ist schlichtweg inakzeptabel.

Welche Signale befürchten Sie für die afro-deutsche Bevölkerung und darüber hinaus für Menschen mit Migrationsgeschichte?

Ich befürchte, dass alte Wunden wieder aufgerissen werden. Viele Afro-Deutsche kämpfen seit Jahrzehnten dafür, dass dieses Wort aus dem öffentlichen Raum verschwindet. Sein erneutes Auftauchen vermittelt vielen das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden und erneut als „die Anderen“ wahrgenommen zu werden.

Das neue Wahlplakat

Hat die erste „UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft“ nicht zu einer grundlegenden Sensibilisierung im Kampf gegen anti-Schwarzen Rassismus beigetragen?

Ja, genau das war das Ziel. Leider ist dieses Ziel noch nicht vollständig erreicht. Dennoch hat diese Dekade das Bewusstsein deutlich geschärft. Gerade deshalb überrascht mich diese Aktion. Wir wissen heute, wie sensibel Sprache ist und wie wichtig Respekt im öffentlichen Diskurs ist. Dieses Wissen sollte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

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